{"id":5120,"date":"2022-12-16T15:31:04","date_gmt":"2022-12-16T14:31:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gabarcelona.com\/?p=5120"},"modified":"2023-06-26T16:33:33","modified_gmt":"2023-06-26T15:33:33","slug":"aprop-containerhaus-programm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gabarcelona.com\/de\/blog\/aprop-containerhaus-programm\/","title":{"rendered":"APROP: Container-H\u00e4user zur Bek\u00e4mpfung der Wohnungsnot in Barcelona"},"content":{"rendered":"

Die Stadt Barcelona baut Wohnbl\u00f6cke aus recycelten Schiffscontainern als vor\u00fcbergehende Unterk\u00fcnfte.<\/h2>\n
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Montage APROP Gl\u00f2ries, \u00a9 Ajuntament de Barcelona<\/a>, unter Lizenz\u00a0CC BY-NC-ND 2.0<\/a><\/p><\/div>\n

Das Programm Allotjaments de Proximitat Provisionals<\/em> (APROP)<\/h2>\n

Eine der verschiedenen M\u00f6glichkeiten, in Wohnungsnot geratenen Menschen in Barcelona zu helfen, bietet das st\u00e4dtische Programm APROP (etwa Provisorischer Wohnraum im Quartier), eine Initiative der Abteilung f\u00fcr Soziale Rechte, Globale Gerechtigkeit, Feminismus und LGBTI der Stadtverwaltung. Auf der Grundlage umgebauter Schiffscontainer werden mittels modularer Bauweise und vereinfachter Bewilligungsverfahren kurzfristig quartiersnahe Sozialwohnungen f\u00fcr von Gentrifizierung, Zwangsr\u00e4umung oder Armut betroffene Bev\u00f6lkerungsgruppen geschaffen.<\/p>\n

Auf bislang ungenutzten Grundst\u00fccken entsteht so tempor\u00e4r nutzbarer Wohnraum, mit der Hoffnung, dass sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Bewohner mit Hilfe der sozialen Dienste der Stadt in einer \u00dcbergangszeit von sechs Monaten bis zwei Jahren konsolidiert, ohne dass sie das eigene Wohnquartier verlassen m\u00fcssen.<\/p>\n

Upcycling: Neues Leben f\u00fcr alte Container<\/h2>\n

Nicht zuletzt ist Barcelona eine Hafenstadt. Im Port de Barcelona<\/em>, der 20 Prozent der st\u00e4dtischen Landfl\u00e4che besetzt, befinden sich schon heute riesige, tempor\u00e4re Ansammlungen von Schiffscontainern. Genutzt werden diese selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr den Warentransport. Die st\u00e4dtebauliche und konstruktive Erfahrung des schnellen und unkomplizierten Erstellens kleinerer oder gr\u00f6\u00dferer Siedlungen f\u00fcr eine determinierte, zeitlich begrenzte Nutzung ohne repr\u00e4sentativen Anspruch wird nun zur Minderung eines aktuellen, humanit\u00e4ren Problems angewendet.<\/p>\n

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Containerhafen von Barcelona, \u00a9 Olga Subach\/Unsplash<\/a><\/p><\/div>\n

Modulares Bauen mit Seefrachtcontainern: Vor- und Nachteile<\/h2>\n

Je nach Art der Stapelung und Beladung k\u00f6nnen bis zu zehn der selbsttragenden Schiffscontainer \u00fcbereinandergeschichtet werden. Die Verwendung zu Wohnzwecken verursacht nur eine geringe Nutzlast und erm\u00f6glicht so eine schnelle und flexible Konfiguration von fast unendlichen Ausbreitungen in H\u00f6he und Breite. Entscheidend ist das einzelne Modul, 20 oder 40 Fuss – also etwa 6 oder 12 Meter – lang bei einer Standardbreite von 2.4 Metern und einer H\u00f6he von 2.6 Metern.<\/p>\n

\u00dcberseecontainer sind von Haus aus nicht isoliert, was bei der Verwendung f\u00fcr den Warentransport selbstredend unbedeutend ist. Bei ihrem Um- und Ausbau zu Raummodulen muss also die D\u00e4mmung gegen K\u00e4lte und sommerliche Hitze gel\u00f6st werden. Ebenso unbefriedigend ist der fensterlose, hermetische Verschluss der Container aus gestrichenem Cortenstahl; obgleich sinnvoll auf ihren weiten Fahrten durch st\u00fcrmische Ozeane, erweist er sich im Wohnungsbau als unpraktisch.<\/p>\n

Bei der Nachnutzung ausrangierter \u00dcberseecontainer als Wohnraum besteht ein weiteres Problem, vor allem dann, wenn die Container zu gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4udekomplexen zusammengef\u00fcgt werden sollen: die Brandschutzvorschriften. Diese k\u00f6nnen durch entsprechende Schutzanstriche und architektonische Finessen, wie die r\u00e4umliche und konstruktive Trennung der – in traditioneller Bauweise errichteten – Laubengangerschlie\u00dfung, erf\u00fcllt werden. Beide Strategien laufen aber nicht nur der Schiffs\u00e4sthetik zuwider, sondern stellen auch die angestrebte Mobilit\u00e4t und \u00f6kologische Nachhaltigkeit in Frage.<\/p>\n

Ausrangierte Schiffscontainer: Idealer Baustein f\u00fcr eine ressourcenschonende, nachhaltige Architektur<\/h2>\n

Neben W\u00e4rmed\u00e4mmung, \u00d6ffnungen, externer Erschlie\u00dfung und Au\u00dfenr\u00e4umen m\u00fcssen die \u00dcberseecontainer f\u00fcr ihre neue Nutzung nat\u00fcrlich auch mit einem Fundament aus Stahlbeton versehen werden. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist das Ergebnis trotzdem sehr befriedigend, der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck im Vergleich zu traditionellen Wohnbauten eher gering. Die ausrangierten, oft infolge der harten mechanischen Beanspruchung im Seeverkehr nicht mehr nutzbaren Container erhalten so ein zweites Leben. Sie ben\u00f6tigen keinen massiven Einsatz von Stahlbeton, sind perfekt zerlegbar, transportierbar und an andere Standorte anpassbar, was den Energieaufwand und den beim Abriss entstehenden Abfall reduziert.<\/p>\n

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Walden 7, \u00a9 Castellbo<\/a>, unter Lizenz\u00a0CC BY-SA 4.0<\/a><\/p><\/div>\n

St\u00e4dtebauliche und architektonische Referenzen in Barcelona: La Barceloneta, Walden 7<\/h2>\n

Der von Ricardo Bofill in den siebziger Jahren errichtete Wohnblock Walden 7 in Sant Just Desvern ist vielleicht die erste architektonische Umsetzung eines modularen Konzepts im Gro\u00dfraum von Barcelona. Hier wurden zwar keine bestehenden Bauteile recycelt \u2013 das Geb\u00e4ude wurde auf traditionelle Bauweise aus Beton und Ziegeln ausgef\u00fchrt -, jedoch zum ersten Mal konzeptionell das System der Addition und Stapelung von Raummodulen, Erschlie\u00dfungs-und Au\u00dfenraumelementen ausgelotet.<\/p>\n

Noch \u00e4lter ist Barcelonas ehemaliges, Mitte des 18. Jahrhunderts vor dem alten Hafen realisiertes Fischerquartier Barceloneta. Das gr\u00f6\u00dfenm\u00e4\u00dfig mit einem 40-Fu\u00df-Container vergleichbare sogenannte quart de casa<\/em> (30m2) ist heute die vorherrschenden Wohnungstypologie im Quartier. Die Wohnungen wurden l\u00e4ngsseitig zusammengef\u00fcgt, ohne Fundament auf Sandboden stehend bis zu sieben Geschossen in die H\u00f6he gestapelt und dabei nat\u00fcrlich ganz traditionell aus Backstein errichtet.<\/p>\n

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APROP Ciutat Vella, \u00a9 Ajuntament de Barcelona<\/a>, unter Lizenz\u00a0CC BY-NC-ND 2.0<\/a><\/p><\/div>\n

APROP Ciutat Vella: Containerhaus in Barcelonas historischer Altstadt<\/h2>\n

Das erste im Rahmen des APROP-Programms fertiggestellte, gemeinsam von den Architekturb\u00fcros Straddle3, Eulia Arkitektura und Yaiza Terr\u00e9 Estudi d\u2019Arquitectura entworfene Wohngeb\u00e4ude liegt inmitten der dichten Altstadt, nicht unweit des alten Hafens von Barcelona. Auf einem ehemals leerstehenden Eckgrundst\u00fcck stapeln sich auf einem Stahlst\u00e4nder vier Geschosse mit jeweils vier nebeneinander angeordneten 40-Fu\u00df-Containern. Der Bau verf\u00fcgt \u00fcber insgesamt zw\u00f6lf Wohnungen, acht 30m2 gro\u00dfe Apartments mit einem Schlafzimmer sowie vier 60m2 gro\u00dfe Apartments mit zwei Schlafzimmern. Im Erdgeschoss befindet sich ein \u00c4rztezentrum (CAP) und der Eingangsbereich.<\/p>\n

Strukturell wird das den Containern inh\u00e4rente Potenzial des tragenden, in sich stabilen statischen Systems genutzt. Die Verbindung der Container untereinander erfolgt vermittels Twistlock-Verriegelung, das auch bei der der Anordnung und Sicherung an Bord von Frachtschiffen zum Einsatz kommt. Alle Module wurden \u00fcber einen Zeitraum von drei Monaten in der Werkstatt um- und ausgebaut, so dass zum Zeitpunkt des Beginns der Arbeiten vor Ort bereits 85 % des Innenausbaus, einschlie\u00dflich der Isolierung, Installationen, Verkleidung und Tischlerarbeiten, fertiggestellt war. Die nachtr\u00e4glich in Trockenbauweise hinzugef\u00fcgten Dach- und Fassadensysteme bilden die Geb\u00e4udeh\u00fclle und verleihen dem Ensemble ein hochwertiges, nicht-industrielles Aussehen.<\/p>\n

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APROP Gl\u00f2ries, \u00a9 Ajuntament de Barcelona<\/a>, unter Lizenz\u00a0CC BY-NC-ND 2.0<\/a><\/p><\/div>\n

APROP Pla\u00e7a de les Gl\u00f2ries: Containerhaus gegen\u00fcber Barcelonas Innovationsviertel 22@<\/h2>\n

Ein zweites inzwischen bezugsfertiges, vom Bauunternehmen Calaf SL errichtetes Containerhaus liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Barcelonas Designmuseum und Jean Nouvels emblematischer Torre Gl\u00f2ries, an einem neuralgischen Punkt der Stadt, der neben dem Technologie- und Innovationsviertel des 22@ seit l\u00e4ngerem einer intensiven st\u00e4dtebaulichen und wirtschaftlichen Transformation unterliegt.<\/p>\n

Nach blo\u00df 26 Wochen Bauzeit vor Ort fertiggestellt und ebenfalls auf einem Sockelgeschoss aufgest\u00e4ndert, stapeln sich hier auf sieben Ebenen jeweils zehn nebeneinanderliegende 40-Fu\u00df-Container. Die Module sind an den Eckpunkten miteinander verschwei\u00dft, wodurch ein kompaktes statisches Volumen entsteht. Unterbrochen wird der Block durch einen traditionell erstellten Erschlie\u00dfungskern. Im S\u00fcdosten ist eine Balkon- und Erschlie\u00dfungszone vorgelagert. Insgesamt verf\u00fcgt das Geb\u00e4ude \u00fcber 42 Apartments, davon 35 mit zwei Schlafzimmern und die \u00fcbrigen sieben mit einem. Mit einer Kapazit\u00e4t f\u00fcr rund 110 Personen, sollen 50% der Wohnungen an Menschen in akuter Wohnungsnot und 50% an junge Erwachsene unter 35 Jahren.<\/p>\n

APROP La Bordeta: K\u00fcnftiges Containerhaus f\u00fcr Barcelonas Viertel Sants-Montju\u00efc<\/h2>\n

Das k\u00fcnftige Geb\u00e4ude im Quartier La Bordeta wurde im Rahmen eines Wettbewerbs vergeben, aus dem die Architekten Judith Crespo (fNUEVE studio), Oihana Garc\u00eda (OJO estudio) und C\u00e9sar Vivas (Vivas Arquitectos) als Sieger hervorgegangen waren. Das Projekt sieht \u00fcbereinandergestapelte Schiffscontainer auf insgesamt zehn, mit gro\u00dfz\u00fcgigen Loggien ausgestatteten Geschossen vor. Damit entfernt sich der Entwurf, wie die Autoren selbst schreiben, \u00e4sthetisch vom Konzept des geschlossenen Containers und erweckt den Eindruck eines leichten Geb\u00e4udes. Die Galerien dienen gleicherma\u00dfen zur Erschlie\u00dfung, als Terrassen und Gemeinschaftsr\u00e4ume.<\/p>\n

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Fertigstellung Schiffscontainer-Haus, \u00a9 Ajuntament de Barcelona<\/a>, unter Lizenz\u00a0CC BY-NC-ND 2.0<\/a><\/p><\/div>\n

Containerarchitektur in Barcelona: Ein innovatives Modell in Zeiten von Raumknappheit und Gentrifizierung<\/h2>\n

Das APROP-Programm der Stadt Barcelona ist noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig jung, und so ist es verfr\u00fcht, erste aussagekr\u00e4ftige Schl\u00fcsse zu ziehen. \u00c4u\u00dferst positiv erscheint die schnelle Realisierbarkeit der Containerbauten im Vergleich zum konventionellen sozialen Wohnungsbau. Der Zeitraum von der ersten Idee bis zur Schl\u00fcssel\u00fcbergabe verk\u00fcrzt sich drastisch von den \u00fcblichen f\u00fcnf bis sieben Jahren auf etwa ein Jahr.<\/p>\n

Inwieweit diese Bauweise aber tats\u00e4chlich \u00f6kologisch nachhaltig ist, muss wohl erst noch in aller Konsequenz durchgerechnet werden. Denn die umfangreichen Anforderungen an den Brandschutz, die Vorgaben bei der D\u00e4mmung sowie die bei gr\u00f6\u00dferen Bauvorhaben komplexeren Erschlie\u00dfungssysteme werden die initial erwartete \u00d6kobilanz vermutlich wieder relativieren.<\/p>\n

Entgegen der M\u00f6glichkeit, die Bauten schnell ab- und an einem anderen Ort wieder aufzubauen, entstehen aktuell wohl eher dauerhafte L\u00f6sungen, die beil\u00e4ufig den Eindruck eines Provisoriums erwecken. Bei den bisher realisierten Projekten r\u00fcckt die Container\u00e4sthetik weitgehend in den Hintergrund, ist sie doch auch nicht das eigentliche Ziel der Bauten. Vorrangig geht es darum, Menschen mit Zugangsschwierigkeiten zum Wohnungsmarkt z\u00fcgig mit angemessenem Wohnraum versorgen zu k\u00f6nnen \u2013 als \u00dcbergangsl\u00f6sung f\u00fcr die wachsende Wohnungsnot in Gro\u00dfst\u00e4dten. Die APROP-Bauten liefern ein durchaus interessantes Konzept, welches ein aktuelles soziales Problem mit einem komplett neuen konstruktiven Ansatz anzugehen versucht.<\/p>\n

Text: Hans Geilinger<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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