Barcelona begeht das Gaudí-Jahr 2026 mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm
Ausstellungen, akademische Events, Projektionen und Konzerte zu Antoni Gaudís 100. Todestag

Piano Nobile der Casa Batlló, mit freundlicher Genehmigung der Casa Batlló
Das Gaudí-Jahr – zentrales Highlight der Architektur-Welthauptstadt Barcelona
2026 präsentiert sich Barcelona als Welthauptstadt der Architektur und lädt zu einer Vielzahl von Ausstellungen, Kongressen und Veranstaltungen ein. Besonders im Fokus steht das Gaudí-Jahr, das anlässlich des 100. Todestages des legendären Architekten gefeiert wird.
Zum Jubiläum erwartet Besucher:innen ein vielfältiges Programm mit Erlebnis- und Bildungsangeboten, wissenschaftlichen Veranstaltungen, geführten Rundgängen und Konzerten. Ziel ist es, das Vermächtnis des international bedeutendsten Architekten Kataloniens erlebbar zu machen. Auch wenn die Feierlichkeiten an verschiedenen Orten wie Mataró, Reus, Palma de Mallorca oder Comillas stattfinden, bleibt Barcelona das unbestrittene Epizentrum des Gaudí-Jahres – eine einzigartige Gelegenheit, das Werk dieses außergewöhnlichen und visionären Schöpfers neu zu entdecken.
Die Architektur Antoni Gaudís zieht seit Generationen Architekt:innen und Architekturbegeisterte gleichermaßen in ihren Bann – durch ihren formalen Reichtum, die symbolische Tiefe und die technischen Innovationen. Wer noch nicht mit seinem Werk vertraut ist, erhält in unserem früheren Artikel Antoni Gaudí und die Gegenwartsarchitektur einen kompakten Überblick. Am Ende dieses Beitrags gibt es zudem einige Empfehlungen für weiterführende Literatur, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit Gaudís Schaffen ermöglichen.

Casa Vicens, © Pol Viladoms, unter Lizenz CC BY-SA 4.0
Tradition trifft Restaurierung in der Casa Vicens
Die Casa Vicens, Gaudís erstes eigenständiges Wohnhaus, ist im Vergleich zu vielen seiner späteren Gebäude erst seit wenigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich – und hat sich dennoch rasch zu einem unverzichtbaren Ziel für Architekturliebhaber:innen entwickelt.
Das Haus beteiligt sich an den Feierlichkeiten mit zwei zentralen Veranstaltungen. Die erste verbindet das Werk Gaudís mit lokaler Tradition und eröffnet die Möglichkeit, das Gebäude aus einem ganz neuen Blickwinkel zu erleben: das Fest der Heiligen Rita, Schutzpatronin der „Unmöglichen“, das hier seit über 200 Jahren am 22. Mai gefeiert wird.
Der Ursprung dieses Rituals soll in einer heute verschwundenen Quelle liegen, deren Wasser heilende und sogar wundersame Kräfte zugeschrieben wurden. Zu Ehren der Heiligen Rita werden die Gärten und Terrassen der Casa Vicens mit Rosen geschmückt, die anschließend gesegnet werden – ein Brauch, der besonders im Stadtteil Gràcia tief verwurzelt ist.

Raucherzimmer der Casa Vicens, mit freundlicher Genehmigung des Architekturzentrums Wien
Architektonisch besonders interessant ist die Restaurierung des Raucherzimmers, deren Fertigstellung für November geplant ist. Der Raum zählt aufgrund seiner opulenten, orientalisch inspirierten Dekoration und raffinierten technischen Details zu den faszinierendsten der Casa Vicens.
Fumoirs, also eigens eingerichtete Raucherzimmer, erfreuten sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern großer Beliebtheit. Beispiele finden sich etwa in den Brüsseler Projekten von Victor Horta, wie dem Hôtel Tassel (1894) oder dem Hôtel Solvay (1900). Die Verbindung von Tabak und Orient war damals weit verbreitet, da der Tabak häufig aus dieser Region importiert wurde.
Zu den überraschenden Gestaltungselementen zählen unter anderem die von der Alhambra inspirierten Muqarnas an der Decke – kunstvolle, gestufte Tropfenornamente aus der maurischen Architektur – während neuartige Pappmaché-Fliesen die Wände schmücken. Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles Zusammenspiel von Tradition, Innovation und orientalischem Flair.

Eingang des Palau Güell, © Thomas Ledl, unter Lizenz CC BY-SA 4.0
Gaudís Universum: Ausstellungshöhepunkte in Barcelona 2026
Ausstellungen über Gaudí und sein Werk bilden einen zentralen Bestandteil des Veranstaltungsprogramms zum Año Gaudí. Das Museu Nacional d’Art de Catalunya präsentiert etwa Gaudí und seine Zeitgenossen (Gaudí i els seus contemporanis), eine Serie virtueller Rundgänge zu spezifischen Themen in Form digitaler Mikroerzählungen. Darüber hinaus erweitert das Museum unter dem Titel Mehr Gaudí – Spiegelungen und Analogien (Més Gaudí: Reflexos i analogies) seine Dauerausstellung um bislang unveröffentlichte Werke Gaudís sowie Arbeiten weiterer Künstler:innen.
Eine temporäre Ausstellung im Museu d’Història de Catalunya spannt einen ambitionierten Bogen über Gaudís Gesamtwerk und beleuchtet sowohl die architektonischen Prinzipien als auch ihren historischen, sozialen und technologischen Kontext. Zwei weitere Ausstellungen im Palau Güell konzentrieren sich jeweils auf besondere Aspekte seines Schaffens.
Die erste Ausstellung, Gaudí, Fenster zur Zukunft (Gaudí, finestres al futur), widmet sich den Öffnungen in seinem Werk: Türen, Fenster und dekorative Glasfenster, die Gaudís innovative Nutzung von Licht verdeutlichen und die Beziehungen zwischen Innen- und Außenräumen sowie die Vernetzung der Räume untereinander erfahrbar machen. Die zweite Ausstellung, Francesc Vidal i Jevellí im Palau Güell. Innengestaltung und Möbel (Francesc Vidal i Jevellí al Palau Güell. Interiors i mobles) stellt die eigens für das Stadtpalais entworfenen Möbelstücke in den Mittelpunkt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Kunsttischler Vidal entstanden sind.

Sala de Maons in der Torre Bellesguard, © Josep Bracons, unter Lizenz CC BY-SA 2.0
Monografie und musikalische Hommage an Gaudí in der Torre Bellesguard
Das Gaudí-Jahr bietet auch die Möglichkeit, weniger bekannte oder für gewöhnlich nicht zugängliche Gebäude zu entdecken – darunter die Casa Figueras, besser bekannt als Torre Bellesguard (1909), ein Wohnhaus in Barcelonas Oberstadt. Seinen Namen verdankt das Haus einem einst auf dem Gelände gelegenen Schloss, das König Martí, dem Menschlichen, gehört haben soll.
Das Gebäude basiert auf einem Prisma mit quadratischem Grundriss, dem weitere Elemente hinzugefügt wurden. Auffällig ist der Einfluss der gotischen Architektur, vermutlich aus dem Bestreben, eine historische Verbindung herzustellen. Doch wie so oft bei Gaudí würde es dem Werk nicht gerecht, es lediglich als neugotisch zu bezeichnen: Die tragenden Backsteinbögen und die dekorativen Details machen deutlich, dass es unverkennbar ein Werk Gaudís ist.
In diesem Jahr wird in dem Gebäude die Präsentation der ersten ihm gewidmeten Monografie stattfinden, verfasst von Galdric Santana, dem aktuellen Direktor der Cátedra Gaudí. Außerdem können Besucher:innen Konzerte genießen, die der renommierte Dirigent und Cellist Jordi Savall in Bellesguard gibt – mit einem Programm, das sich ganz dem Werk und der Inspiration Gaudís widmet.

Neuer Ausstellungsraum von Mesura in der Casa Batlló, © ethandeclerk
Neuer öffentlich zugänglicher Raum in der Casa Batlló
Auch die emblematische Casa Batlló wird eine zentrale Rolle bei den Feierlichkeiten einnehmen. Besonders hervorzuheben ist die Eröffnung eines neuen Ausstellungsraums im zweiten Stock, einem bisher nicht zugänglichen Bereich des Hauses. Das Architekturbüro Mesura aus Barcelona restaurierte historische Elemente wie die Holzarbeiten behutsam und fügte gleichzeitig neue Details hinzu – darunter den Bodenbelag und eine markante, abgehängte Decke aus serigrafierten Metallplatten, die an ein invertiertes Tonnengewölbe erinnert.
Deren organische Formen, Materialien und Gravuren erzeugen aquatische Effekte, die den Innenhof des Hauses widerspiegeln, und schaffen einen faszinierenden Dialog zwischen Jugendstil-Architektur und zeitgenössischem Design.
Die neue 230?m² große Kunstgalerie wird mit der Ausstellung Beyond the Façade des Kollektivs United Visual Artists (UVA) unter der Leitung von Matt Clark eröffnet. Die Präsentation nutzt Werke unterschiedlichster Formate – von audiovisuellen Installationen bis zu kinetischen Skulpturen – und erforscht die Dualität von Tag und Nacht sowie von Licht und Dunkelheit, inspiriert von Gaudís Werk.
Außerdem ist das UVA-Team für das Video-Mapping Hidden Order verantwortlich, das am 31. Januar und 1. Februar die Fassade zum Leuchten bringt. Die Projektion ergänzt die Ausstellung und feiert das Gaudí-Jahr, indem sie die verborgenen geometrischen Strukturen der Natur sichtbar macht, die Gaudí so faszinierten.

Die Sagrada Família prägt die Skyline von Barcelona, © Davit Margaryan/Unsplash
Die lang erwartete Fertigstellung Sagrada Família
In unserem Artikel Antoni Gaudí und die Gegenwartsarchitektur haben wir bereits die Herausforderungen beleuchtet, die die Vollendung der Sagrada Família in Bezug auf ihre Urheberschaft mit sich bringt. Trotz allem ist der Monumentalbau untrennbar mit Gaudís Erbe verbunden – und die bevorstehende Einweihung des Turms Jesucristo gehört zu den Höhepunkten des Jahres. Mit dem zentralen Turm erreicht die Kirche eine Höhe von 172,5?Metern und wird damit nicht nur das höchste Gebäude Barcelonas, sondern auch die höchste Kirche Europas.
Formal orientiert sich der Turm deutlich an der Fassade der Geburt, deren Entwurf zweifelsfrei Gaudí zugeschrieben wird. Seine Geometrie aus Paraboloiden und Hyperboloiden beruht auf einem innovativen Tragwerk aus vorgespannten Natursteinbauteilen, das von Betonrippen und punktuellen Stein- und Keramikverkleidungen vervollständigt wird. Dieses einzigartige System reduziert das Gesamtgewicht der Struktur und erhöht gleichzeitig ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Wind und Erdbeben.
Die Öffnungen des neuen Turms orientieren sich nicht am ursprünglichen Muster, sondern folgen einem dreieckigen Tessellationsmuster, das auch in anderen Werken Gaudís zu finden ist – etwa in den Pavillons der Finca Güell (1887) oder im Musiksaal von Bellesguard.

Prototyp eines der Arme des die Sagrada Família krönenden Kreuzes, © Pere López Brosa, unter Lizenz CC BY-SA 4.0, bearbeitet
Gekrönt wird der Turm von einer Neuinterpretation des vierarmigen Kreuzes, das Gaudí schon bei zivilen Projekten wie dem Colegio de las Teresianas (1894) oder der Casa Batlló als markantes Gestaltungselement verwendete. Wie zu erwarten, beteiligt sich die Sagrada Família am Gaudí-Jahr mit einem bunten Programm aus Führungen, Konzerten und Gottesdiensten – Höhepunkt ist die zentrale Messe zum hundertjährigen Todestag Gaudís am 10. Juni.
Internationaler Gaudí-Kongress in der Casa Milà (La Pedrera)
Der Internationale Gaudí-Kongress 2026 zählt laut Ajuntament de Barcelona zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten und wird im Juni in der Casa Milà, besser bekannt als La Pedrera, stattfinden.
Der Kongress wird vom Departament de Cultura der Generalitat in Zusammenarbeit mit dem Consell Antoni Gaudí und der Cátedra Gaudí der Universitat Politècnica de Catalunya organisiert. Obwohl noch nicht alle Details bekannt sind, gilt er bereits jetzt als eines der Highlights des Jahres. Anders als andere Veranstaltungen, die weniger auf die architektonische Disziplin ausgerichtet sind, verfolgt der Kongress einen Ansatz höchster wissenschaftlicher Strenge: Er soll aktuelle Forschungsarbeiten präsentieren, interdisziplinäre Studien fördern und den akademischen Austausch rund um Gaudís Werk anregen.
Auch der Veranstaltungsort könnte kaum passender sein: Mit seiner formalen Vielfalt und der innovativen Bauweise gilt die Casa Milà unter Architekt:innen und Fachleuten als das ultimative Meisterwerk Gaudís.

Dachterrasse der Casa Milà, © Mauro Lima/Unsplash
Eine einmalige Gelegenheit, Antoni Gaudí neu zu entdecken
Insgesamt präsentiert sich das Gaudí-Jahr als interdisziplinäre und ambitionierte Feier, die weit über eine bloße historische Würdigung hinausgeht. Mit Ausstellungen, Begegnungen im akademischen Rahmen, multimedialen Projektionen und Konzerten ehrt Barcelona den legendären Architekten und lädt Besucher:innen ein, sein Werk aus neuen, zeitgenössischen und kritischen Blickwinkeln zu entdecken.
Es ist zugleich eine Gelegenheit, eine unserer individuell anpassbaren Führungen zu Gaudís Werken zu buchen. Die Überschneidung mit Barcelonas Ernennung zur Welthauptstadt der Architektur schafft ein einzigartiges Szenario und eröffnet die Möglichkeit, tief in die kulturelle Dimension von Antoni Gaudís Erbe einzutauchen – ein Erbe, das auch hundert Jahre nach seinem Tod Kreative, Forschende und Architekturbegeisterte gleichermaßen inspiriert.
Text: Pedro Capriata
LITERATURVERZEICHNIS
Ajuntament de Barcelona (s.f.). Any Gaudí.
https://www.barcelona.cat/casalsdebarri/congresindians/es/agenda/any-gaudi
Bassegoda, J. (2002). Gaudí o Espacio, luz y equilibrio. Criterio Libros.
Capriata, P. (2024). Antoni Gaudí y la arquitectura contemporánea. Guiding Architects Barcelona.
https://www.gabarcelona.com/es/blog/antoni-gaudi-arquitectura-contemporanea/
Casa Batlló Contemporary (s.f.). Casa Batlló Exhibitions.
https://contemporary.casabatllo.es/en/exhibitions/
Centre Obert d’Arquitectura (s.f.). ArquitecturaCatalana.Cat.
https://www.arquitecturacatalana.cat/es
Consell Antoni Gaudí (s.f.). Programa Gaudí 2026.
https://consellantonigaudi.cat/programa-2026/
Gaudí, A. (1982). Manuscritos, artículos, conversaciones y dibujos. Colegio oficial de aparejadores y arquitectos técnicos de Madrid.
Generalitat de Catalunya (s.f.). Any Gaudí. Generalitat de Catalunya. Commemoracions.
https://web.gencat.cat/ca/generalitat/accio-govern/commemoracions/2026/any-gaudi
Giralt-Miracle, D. (2002). Gaudí: La recerca de la forma: Espai, geometria, forma i construcció. Ajuntament de Barcelona.
Herr, S. (2025). Barcelona, Capital Mundial de la Arquitectura 2026. Guiding Architects Barcelona.
https://www.gabarcelona.com/es/blog/barcelona-capital-mundial-arquitectura-2026/
Lahuerta, J. J. (1993). Antoni Gaudí 1852-1926: arquitectura, ideología y política. Electa.
Lahuerta, J. J. (2002). Casa Batlló. Gaudí. Barcelona. Triangle Postals.
Lahuerta, J. J. (2010). Humaredas. Arquitectura, ornamentación, medios impresos. Lampreave.
Lahuerta, J. J. (2016). Antoni Gaudí. Fuego y cenizas. Tenov.
Mesura (s.f.). Casa Batlló Contemporary.
https://www.mesura.eu/projects/casa-batllo-contemporary
Ramírez, J. A. (1992). Gaudí. Grupo Anaya.
Ramírez, J. A. (1998). La metáfora de la colmena: de Gaudí a Le Corbusier. Ediciones Siruela.
Solà-Morales, I. de (1983). Gaudí. Ediciones la Polígrafa.
Solà-Morales, I. de (1992). Arquitectura Fin de Siglo en Barcelona. Gustavo Gili.
Tarragó, S. (Ed.) (1991). Antoni Gaudí. Ediciones del Serbal.
Turismo de Catalunya (s.f.). 2026: arquitectura, genialidad y música en un destino cultural único. Generalitat de Catalunya.
https://www.catalunya.com/es/continguts/article/efemerides-culturales-catalunya-2026-1762268769121
Barcelona begeht das Gaudí-Jahr 2026 mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm
Ausstellungen, akademische Events, Projektionen und Konzerte zu Antoni Gaudís 100. Todestag

Piano Nobile der Casa Batlló, mit freundlicher Genehmigung der Casa Batlló
Das Gaudí-Jahr – zentrales Highlight der Architektur-Welthauptstadt Barcelona
2026 präsentiert sich Barcelona als Welthauptstadt der Architektur und lädt zu einer Vielzahl von Ausstellungen, Kongressen und Veranstaltungen ein. Besonders im Fokus steht das Gaudí-Jahr, das anlässlich des 100. Todestages des legendären Architekten gefeiert wird.
Zum Jubiläum erwartet Besucher:innen ein vielfältiges Programm mit Erlebnis- und Bildungsangeboten, wissenschaftlichen Veranstaltungen, geführten Rundgängen und Konzerten. Ziel ist es, das Vermächtnis des international bedeutendsten Architekten Kataloniens erlebbar zu machen. Auch wenn die Feierlichkeiten an verschiedenen Orten wie Mataró, Reus, Palma de Mallorca oder Comillas stattfinden, bleibt Barcelona das unbestrittene Epizentrum des Gaudí-Jahres – eine einzigartige Gelegenheit, das Werk dieses außergewöhnlichen und visionären Schöpfers neu zu entdecken.
Die Architektur Antoni Gaudís zieht seit Generationen Architekt:innen und Architekturbegeisterte gleichermaßen in ihren Bann – durch ihren formalen Reichtum, die symbolische Tiefe und die technischen Innovationen. Wer noch nicht mit seinem Werk vertraut ist, erhält in unserem früheren Artikel Antoni Gaudí und die Gegenwartsarchitektur einen kompakten Überblick. Am Ende dieses Beitrags gibt es zudem einige Empfehlungen für weiterführende Literatur, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit Gaudís Schaffen ermöglichen.

Casa Vicens, © Pol Viladoms, unter Lizenz CC BY-SA 4.0
Tradition trifft Restaurierung in der Casa Vicens
Die Casa Vicens, Gaudís erstes eigenständiges Wohnhaus, ist im Vergleich zu vielen seiner späteren Gebäude erst seit wenigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich – und hat sich dennoch rasch zu einem unverzichtbaren Ziel für Architekturliebhaber:innen entwickelt.
Das Haus beteiligt sich an den Feierlichkeiten mit zwei zentralen Veranstaltungen. Die erste verbindet das Werk Gaudís mit lokaler Tradition und eröffnet die Möglichkeit, das Gebäude aus einem ganz neuen Blickwinkel zu erleben: das Fest der Heiligen Rita, Schutzpatronin der „Unmöglichen“, das hier seit über 200 Jahren am 22. Mai gefeiert wird.
Der Ursprung dieses Rituals soll in einer heute verschwundenen Quelle liegen, deren Wasser heilende und sogar wundersame Kräfte zugeschrieben wurden. Zu Ehren der Heiligen Rita werden die Gärten und Terrassen der Casa Vicens mit Rosen geschmückt, die anschließend gesegnet werden – ein Brauch, der besonders im Stadtteil Gràcia tief verwurzelt ist.

Raucherzimmer der Casa Vicens, mit freundlicher Genehmigung des Architekturzentrums Wien
Architektonisch besonders interessant ist die Restaurierung des Raucherzimmers, deren Fertigstellung für November geplant ist. Der Raum zählt aufgrund seiner opulenten, orientalisch inspirierten Dekoration und raffinierten technischen Details zu den faszinierendsten der Casa Vicens.
Fumoirs, also eigens eingerichtete Raucherzimmer, erfreuten sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern großer Beliebtheit. Beispiele finden sich etwa in den Brüsseler Projekten von Victor Horta, wie dem Hôtel Tassel (1894) oder dem Hôtel Solvay (1900). Die Verbindung von Tabak und Orient war damals weit verbreitet, da der Tabak häufig aus dieser Region importiert wurde.
Zu den überraschenden Gestaltungselementen zählen unter anderem die von der Alhambra inspirierten Muqarnas an der Decke – kunstvolle, gestufte Tropfenornamente aus der maurischen Architektur – während neuartige Pappmaché-Fliesen die Wände schmücken. Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles Zusammenspiel von Tradition, Innovation und orientalischem Flair.

Eingang des Palau Güell, © Thomas Ledl, unter Lizenz CC BY-SA 4.0
Gaudís Universum: Ausstellungshöhepunkte in Barcelona 2026
Ausstellungen über Gaudí und sein Werk bilden einen zentralen Bestandteil des Veranstaltungsprogramms zum Año Gaudí. Das Museu Nacional d’Art de Catalunya präsentiert etwa Gaudí und seine Zeitgenossen (Gaudí i els seus contemporanis), eine Serie virtueller Rundgänge zu spezifischen Themen in Form digitaler Mikroerzählungen. Darüber hinaus erweitert das Museum unter dem Titel Mehr Gaudí – Spiegelungen und Analogien (Més Gaudí: Reflexos i analogies) seine Dauerausstellung um bislang unveröffentlichte Werke Gaudís sowie Arbeiten weiterer Künstler:innen.
Eine temporäre Ausstellung im Museu d’Història de Catalunya spannt einen ambitionierten Bogen über Gaudís Gesamtwerk und beleuchtet sowohl die architektonischen Prinzipien als auch ihren historischen, sozialen und technologischen Kontext. Zwei weitere Ausstellungen im Palau Güell konzentrieren sich jeweils auf besondere Aspekte seines Schaffens.
Die erste Ausstellung, Gaudí, Fenster zur Zukunft (Gaudí, finestres al futur), widmet sich den Öffnungen in seinem Werk: Türen, Fenster und dekorative Glasfenster, die Gaudís innovative Nutzung von Licht verdeutlichen und die Beziehungen zwischen Innen- und Außenräumen sowie die Vernetzung der Räume untereinander erfahrbar machen. Die zweite Ausstellung, Francesc Vidal i Jevellí im Palau Güell. Innengestaltung und Möbel (Francesc Vidal i Jevellí al Palau Güell. Interiors i mobles) stellt die eigens für das Stadtpalais entworfenen Möbelstücke in den Mittelpunkt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Kunsttischler Vidal entstanden sind.

Sala de Maons in der Torre Bellesguard, © Josep Bracons, unter Lizenz CC BY-SA 2.0
Monografie und musikalische Hommage an Gaudí in der Torre Bellesguard
Das Gaudí-Jahr bietet auch die Möglichkeit, weniger bekannte oder für gewöhnlich nicht zugängliche Gebäude zu entdecken – darunter die Casa Figueras, besser bekannt als Torre Bellesguard (1909), ein Wohnhaus in Barcelonas Oberstadt. Seinen Namen verdankt das Haus einem einst auf dem Gelände gelegenen Schloss, das König Martí, dem Menschlichen, gehört haben soll.
Das Gebäude basiert auf einem Prisma mit quadratischem Grundriss, dem weitere Elemente hinzugefügt wurden. Auffällig ist der Einfluss der gotischen Architektur, vermutlich aus dem Bestreben, eine historische Verbindung herzustellen. Doch wie so oft bei Gaudí würde es dem Werk nicht gerecht, es lediglich als neugotisch zu bezeichnen: Die tragenden Backsteinbögen und die dekorativen Details machen deutlich, dass es unverkennbar ein Werk Gaudís ist.
In diesem Jahr wird in dem Gebäude die Präsentation der ersten ihm gewidmeten Monografie stattfinden, verfasst von Galdric Santana, dem aktuellen Direktor der Cátedra Gaudí. Außerdem können Besucher:innen Konzerte genießen, die der renommierte Dirigent und Cellist Jordi Savall in Bellesguard gibt – mit einem Programm, das sich ganz dem Werk und der Inspiration Gaudís widmet.

Neuer Ausstellungsraum von Mesura in der Casa Batlló, © ethandeclerk
Neuer öffentlich zugänglicher Raum in der Casa Batlló
Auch die emblematische Casa Batlló wird eine zentrale Rolle bei den Feierlichkeiten einnehmen. Besonders hervorzuheben ist die Eröffnung eines neuen Ausstellungsraums im zweiten Stock, einem bisher nicht zugänglichen Bereich des Hauses. Das Architekturbüro Mesura aus Barcelona restaurierte historische Elemente wie die Holzarbeiten behutsam und fügte gleichzeitig neue Details hinzu – darunter den Bodenbelag und eine markante, abgehängte Decke aus serigrafierten Metallplatten, die an ein invertiertes Tonnengewölbe erinnert.
Deren organische Formen, Materialien und Gravuren erzeugen aquatische Effekte, die den Innenhof des Hauses widerspiegeln, und schaffen einen faszinierenden Dialog zwischen Jugendstil-Architektur und zeitgenössischem Design.
Die neue 230?m² große Kunstgalerie wird mit der Ausstellung Beyond the Façade des Kollektivs United Visual Artists (UVA) unter der Leitung von Matt Clark eröffnet. Die Präsentation nutzt Werke unterschiedlichster Formate – von audiovisuellen Installationen bis zu kinetischen Skulpturen – und erforscht die Dualität von Tag und Nacht sowie von Licht und Dunkelheit, inspiriert von Gaudís Werk.
Außerdem ist das UVA-Team für das Video-Mapping Hidden Order verantwortlich, das am 31. Januar und 1. Februar die Fassade zum Leuchten bringt. Die Projektion ergänzt die Ausstellung und feiert das Gaudí-Jahr, indem sie die verborgenen geometrischen Strukturen der Natur sichtbar macht, die Gaudí so faszinierten.

Die Sagrada Família prägt die Skyline von Barcelona, © Davit Margaryan/Unsplash
Die lang erwartete Fertigstellung Sagrada Família
In unserem Artikel Antoni Gaudí und die Gegenwartsarchitektur haben wir bereits die Herausforderungen beleuchtet, die die Vollendung der Sagrada Família in Bezug auf ihre Urheberschaft mit sich bringt. Trotz allem ist der Monumentalbau untrennbar mit Gaudís Erbe verbunden – und die bevorstehende Einweihung des Turms Jesucristo gehört zu den Höhepunkten des Jahres. Mit dem zentralen Turm erreicht die Kirche eine Höhe von 172,5?Metern und wird damit nicht nur das höchste Gebäude Barcelonas, sondern auch die höchste Kirche Europas.
Formal orientiert sich der Turm deutlich an der Fassade der Geburt, deren Entwurf zweifelsfrei Gaudí zugeschrieben wird. Seine Geometrie aus Paraboloiden und Hyperboloiden beruht auf einem innovativen Tragwerk aus vorgespannten Natursteinbauteilen, das von Betonrippen und punktuellen Stein- und Keramikverkleidungen vervollständigt wird. Dieses einzigartige System reduziert das Gesamtgewicht der Struktur und erhöht gleichzeitig ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Wind und Erdbeben.
Die Öffnungen des neuen Turms orientieren sich nicht am ursprünglichen Muster, sondern folgen einem dreieckigen Tessellationsmuster, das auch in anderen Werken Gaudís zu finden ist – etwa in den Pavillons der Finca Güell (1887) oder im Musiksaal von Bellesguard.

Prototyp eines der Arme des die Sagrada Família krönenden Kreuzes, © Pere López Brosa, unter Lizenz CC BY-SA 4.0, bearbeitet
Gekrönt wird der Turm von einer Neuinterpretation des vierarmigen Kreuzes, das Gaudí schon bei zivilen Projekten wie dem Colegio de las Teresianas (1894) oder der Casa Batlló als markantes Gestaltungselement verwendete. Wie zu erwarten, beteiligt sich die Sagrada Família am Gaudí-Jahr mit einem bunten Programm aus Führungen, Konzerten und Gottesdiensten – Höhepunkt ist die zentrale Messe zum hundertjährigen Todestag Gaudís am 10. Juni.
Internationaler Gaudí-Kongress in der Casa Milà (La Pedrera)
Der Internationale Gaudí-Kongress 2026 zählt laut Ajuntament de Barcelona zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten und wird im Juni in der Casa Milà, besser bekannt als La Pedrera, stattfinden.
Der Kongress wird vom Departament de Cultura der Generalitat in Zusammenarbeit mit dem Consell Antoni Gaudí und der Cátedra Gaudí der Universitat Politècnica de Catalunya organisiert. Obwohl noch nicht alle Details bekannt sind, gilt er bereits jetzt als eines der Highlights des Jahres. Anders als andere Veranstaltungen, die weniger auf die architektonische Disziplin ausgerichtet sind, verfolgt der Kongress einen Ansatz höchster wissenschaftlicher Strenge: Er soll aktuelle Forschungsarbeiten präsentieren, interdisziplinäre Studien fördern und den akademischen Austausch rund um Gaudís Werk anregen.
Auch der Veranstaltungsort könnte kaum passender sein: Mit seiner formalen Vielfalt und der innovativen Bauweise gilt die Casa Milà unter Architekt:innen und Fachleuten als das ultimative Meisterwerk Gaudís.

Dachterrasse der Casa Milà, © Mauro Lima/Unsplash
Eine einmalige Gelegenheit, Antoni Gaudí neu zu entdecken
Insgesamt präsentiert sich das Gaudí-Jahr als interdisziplinäre und ambitionierte Feier, die weit über eine bloße historische Würdigung hinausgeht. Mit Ausstellungen, Begegnungen im akademischen Rahmen, multimedialen Projektionen und Konzerten ehrt Barcelona den legendären Architekten und lädt Besucher:innen ein, sein Werk aus neuen, zeitgenössischen und kritischen Blickwinkeln zu entdecken.
Es ist zugleich eine Gelegenheit, eine unserer individuell anpassbaren Führungen zu Gaudís Werken zu buchen. Die Überschneidung mit Barcelonas Ernennung zur Welthauptstadt der Architektur schafft ein einzigartiges Szenario und eröffnet die Möglichkeit, tief in die kulturelle Dimension von Antoni Gaudís Erbe einzutauchen – ein Erbe, das auch hundert Jahre nach seinem Tod Kreative, Forschende und Architekturbegeisterte gleichermaßen inspiriert.
Text: Pedro Capriata
LITERATURVERZEICHNIS
Ajuntament de Barcelona (s.f.). Any Gaudí.
https://www.barcelona.cat/casalsdebarri/congresindians/es/agenda/any-gaudi
Bassegoda, J. (2002). Gaudí o Espacio, luz y equilibrio. Criterio Libros.
Capriata, P. (2024). Antoni Gaudí y la arquitectura contemporánea. Guiding Architects Barcelona.
https://www.gabarcelona.com/es/blog/antoni-gaudi-arquitectura-contemporanea/
Casa Batlló Contemporary (s.f.). Casa Batlló Exhibitions.
https://contemporary.casabatllo.es/en/exhibitions/
Centre Obert d’Arquitectura (s.f.). ArquitecturaCatalana.Cat.
https://www.arquitecturacatalana.cat/es
Consell Antoni Gaudí (s.f.). Programa Gaudí 2026.
https://consellantonigaudi.cat/programa-2026/
Gaudí, A. (1982). Manuscritos, artículos, conversaciones y dibujos. Colegio oficial de aparejadores y arquitectos técnicos de Madrid.
Generalitat de Catalunya (s.f.). Any Gaudí. Generalitat de Catalunya. Commemoracions.
https://web.gencat.cat/ca/generalitat/accio-govern/commemoracions/2026/any-gaudi
Giralt-Miracle, D. (2002). Gaudí: La recerca de la forma: Espai, geometria, forma i construcció. Ajuntament de Barcelona.
Herr, S. (2025). Barcelona, Capital Mundial de la Arquitectura 2026. Guiding Architects Barcelona.
https://www.gabarcelona.com/es/blog/barcelona-capital-mundial-arquitectura-2026/
Lahuerta, J. J. (1993). Antoni Gaudí 1852-1926: arquitectura, ideología y política. Electa.
Lahuerta, J. J. (2002). Casa Batlló. Gaudí. Barcelona. Triangle Postals.
Lahuerta, J. J. (2010). Humaredas. Arquitectura, ornamentación, medios impresos. Lampreave.
Lahuerta, J. J. (2016). Antoni Gaudí. Fuego y cenizas. Tenov.
Mesura (s.f.). Casa Batlló Contemporary.
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Ramírez, J. A. (1998). La metáfora de la colmena: de Gaudí a Le Corbusier. Ediciones Siruela.
Solà-Morales, I. de (1983). Gaudí. Ediciones la Polígrafa.
Solà-Morales, I. de (1992). Arquitectura Fin de Siglo en Barcelona. Gustavo Gili.
Tarragó, S. (Ed.) (1991). Antoni Gaudí. Ediciones del Serbal.
Turismo de Catalunya (s.f.). 2026: arquitectura, genialidad y música en un destino cultural único. Generalitat de Catalunya.
https://www.catalunya.com/es/continguts/article/efemerides-culturales-catalunya-2026-1762268769121
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