Die Stadt und das Meer

Barcelona wird Austragungsort des 37. America’s Cup, der wichtigsten Segelregatta der Welt

Barcelona und das Mittelmeer aus der Luft, © dronepicr/Flickr

Abgehoben, mehr fliegend als segelnd und so die physikalischen Gesetzte überlistend, sausen sie auf ihren Foils über das Wasser. Die hypersensiblen, nur mit äußerster Konzentration unter Kontrolle zu haltenden Boliden sind nach dem letzten Stand der Wissenschaft technologisch ausgereizt, mit einem atemberaubenden Design versehen, nur den Wind als Antriebskraft nutzend. Mehr Astronauten denn Segler, schützen sich die Crewmitglieder mit Helmen vor den dann und wann sich ereignenden Salti mortali ins Meer.

Der America´s Cup, die Formel 1 des Segelsports: Barcelona wird im Jahre 2024 wieder ein Sportereignis der Superlative beherbergen. Ein Event, welches voraussichtlich 1 Milliarde Euro in die Stadt bringen wird, weltweit von 940 Millionen Zuschauern verfolgt wird und nach der Olympiade und der Fußball WM als der größte Sportanlass der Welt gilt.

Barcelonas Küste vom Meer aus gesehen, © Jiyan Kawa/Unsplash

Barcelonas langsame Öffnung zum Meer

Barcelona und das Meer, die Daseinsberechtigung der Stadt schlechthin. Da liegt es nun, weit ausgebreitet vor der Küste. Groß, ungeordnet, so blau, dass es nirgendwo hineinpasst, deshalb wurde es vor unserem Fenster ausgelegt – um mit Pablo Neruda zu sprechen.

Die Beziehung der Stadt zum Meer war nie einfach, wie das bei lebenslangen Paaren oft so ist. Gegründet in römischen Zeiten als kleines Dorf am Strand, beginnt der Aufschwung nach der Versandung einer Halbinsel direkt vor der Küste. Der Naturhafen erlaubt die Entwicklung der Stadt zur mediterranen Handelsmetropole. Ein Hafenviertel entsteht, Seuchen werden eingeschleppt, die Barceloneta entwickelt sich als Fischerquartier, die Industrienutzungen im Poblenou konvertieren Barcelona zum Manchester des Mittelmeers. Vor der Stadt liegt nun eine schmutzige, ölige Kloake, die Kamine rauchen am Strand. An ein kühles, erfrischendes Bad mag niemand denken. Barcelona lebt mit dem Rücken zum Meer, wie es der Architekt Antoni Bonet beschreibt.

Die Olympiade ’92 bewirkt eine große städtebauliche Transformation: Die Stadt entdeckt das Meer, die Meeresfront wird aktiviert, Marinas werden gebaut, der alte Hafen Port Vell wird zur Stadt hin geöffnet und revitalisiert, Kläranlagen installiert, ein fünf Kilometer langer, direkt vor der Stadt liegender Sandstrand gehegt und gepflegt, eine attraktive Strandpromenade als schon bald intensiv genutzter urbaner Raum designt.

Strandpromenade von Barcelona, © Lucrezia Carnelos/Unsplash

Auf die Touristenflut folgt die Flaute: Ernüchterung zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Kaum 15 Jahre später leidet die Stadt am eigenen Erfolg. Die Wohnungspreise schießen in die Höhe, die Besucherzahlen explodieren, Airbnb treibt die Gentrifizierung noch voran. Der alte Hafen Port Vell wird von den Megayachten der Oligarchen besetzt; der Zugang zum Meer wird zunehmend privatisiert und kommerzialisiert.

Die FNOB (Fundación de Navegación Oceánica de Barcelona) organisiert zwar noch das Barcelona Word Race, eine Weltumseglungsregatta mit Zweiercrew, doch spätestens mit der Wirtschaftskrise 2008, der Sezessionsbewegung und der Pandemie der letzten zwei Jahre verliert die Stadt ihre zweifellos größte Attraktion aus dem Blick.

In Barcelonas Marina Port Vell vor Anker liegende Superyachten, © Francisco Gomes/Unsplash

Wenn der Wind wieder günstig steht: Barcelona wird Gastgeber des America’s Cup 2024

“Barcelona ist wirklich eine der bekanntesten Städte der Welt, daher ist es enorm aufregend, die Möglichkeit zu haben, das bekannteste Segelereignis der Welt auszurichten”, erklärte Grant Dalton, CEO des Emirates Team New Zealand, des Siegerteams der letzten Regatta in Auckland, und verantwortlich für die Organisation der nächsten Ausgabe im Jahr 2024. “Als Verteidiger des America’s Cup haben wir uns immer dafür verantwortlich gefühlt, die Veranstaltung, das Publikum und den Segelsport auf globaler Ebene auszubauen […] Wenn man an den 37. America’s Cup und die AC75-Rennen im Umkreis von nur wenigen hundert Metern um den Strand von Barcelona, die Uferpromenade und die Fan-Engagement-Zonen des Renndorfs denkt, wird es nichts weniger als spektakulär sein.”

Was sind also aus unserer Sicht die Gründe, dass sich die Organisatoren für Barcelona und nicht für die Konkurrenten Málaga (Südspanien), Cork (Irland) und Jeddah (Saudi-Arabien) endschieden haben? Die urbanistischen Qualitäten des Orts: eine Hafenstadt mit direktem Anschluss ans Meer wie kaum eine andere weltweit. Seine exzellente zeitgenössische Architektur und die hohe Qualität des öffentlichen Raums. Das kulinarische Angebot und die tausend Jahre alten Traditionen. Die vorherrschenden lokalen Windverhältnisse, welche für diese Art von Rennyachten ideal sind. Die seit langer Zeit endlich wieder erfolgte enge Zusammenarbeit aller politischen Instanzen auf städtischer, regionaler und nationaler Ebene und deren uneingeschränkte Unterstützung durch die Wirtschaftsvertreter.

Ein Segelfest für alle, entlang der gesamten Küste

Im alten Hafen Port Vell direkt vor der Altstadt werden die Pavillons der fünf Teams entstehen – zur Zeit Emirates Team New Zealand, Ineos Britannia (GB), Alinghi Red Bull Racing (Schweiz), Luna Rossa Prada Pirelli Team (Italien), NYYC American Magic (USA). Auf der Moll de la Fusta das «Village» mit allen Zusatzveranstaltungen für die Besucher, auf der Moll de Europa die Anlegestelle der Rennyachten, direkt im Wasser vor der Stadt zwischen dem Hotel W und dem Port Olímpic wird die Rennstrecke ausgesteckt werden, welche es so abertausenden Besuchern problemlos ermöglichen wird, die Regatten aus nächster Nähe und über Großleinwände zu verfolgen.

Barcelonas Moll de la Fusta und Rambla de Mar, © Artemy Streltsov/Unsplash

Architektur und Städtebau als transformative Kräfte

Barcelona hat sich immer wieder neu erfunden. Der America´s Cup kann als Fortsetzung einer Serie von bereits realisierten Großveranstaltungen, also die Weltausstellungen 1888 und 1929, die Olympischen Sommerspiele 1992 sowie zuletzt das Forum 2004 verstanden werden. Das mehrere Monate dauernde Segelevent im Herbst 2024 wird so Anlass zu einem weiteren urbanen Transformationsschub geben, sich als politischer und wirtschaftlicher Motor erweisen, welcher es Barcelona erlauben wird, sich ein weiteres Mal städtebaulich und architektonisch zu aktualisieren, den neuen Bedürfnissen anzupassen. Barcelonas Architektur und Wille zur urbanen Transformation ist zurück auf dem internationalen Parkett.

Aufbruch zu neuen Ufern: Barcelonas erneuertes Verhältnis zum Meer

Vor dem Hintergrund seines neu erstarkten maritimen Selbstbewußtseins wird Barcelona das weite Wasser vor seiner Küste als urbanen Raum abschließend in Besitz nehmen, als integralen Teil der Metropolregion betrachten, und so endlich nicht mehr nur am, sondern vollends mit dem Meer leben.

Texto: Hans Geilinger

Aufbruch zu neuen Ufern, © Bruno Martins/Unsplash

Published On: Juli 20, 2022Categories: blog
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Sieben Gründe für Architekten und Architekturliebhaber, nach Barcelona zu reisen

Die Stadt und das Meer

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Abgehoben, mehr fliegend als segelnd und so die physikalischen Gesetzte überlistend, sausen sie auf ihren Foils über das Wasser. Die hypersensiblen, nur mit äußerster Konzentration unter Kontrolle zu haltenden Boliden sind nach dem letzten Stand der Wissenschaft technologisch ausgereizt, mit einem atemberaubenden Design versehen, nur den Wind als Antriebskraft nutzend. Mehr Astronauten denn Segler, schützen sich die Crewmitglieder mit Helmen vor den dann und wann sich ereignenden Salti mortali ins Meer.

Der America´s Cup, die Formel 1 des Segelsports: Barcelona wird im Jahre 2024 wieder ein Sportereignis der Superlative beherbergen. Ein Event, welches voraussichtlich 1 Milliarde Euro in die Stadt bringen wird, weltweit von 940 Millionen Zuschauern verfolgt wird und nach der Olympiade und der Fußball WM als der größte Sportanlass der Welt gilt.

Barcelonas Küste vom Meer aus gesehen, © Jiyan Kawa/Unsplash

Barcelonas langsame Öffnung zum Meer

Barcelona und das Meer, die Daseinsberechtigung der Stadt schlechthin. Da liegt es nun, weit ausgebreitet vor der Küste. Groß, ungeordnet, so blau, dass es nirgendwo hineinpasst, deshalb wurde es vor unserem Fenster ausgelegt – um mit Pablo Neruda zu sprechen.

Die Beziehung der Stadt zum Meer war nie einfach, wie das bei lebenslangen Paaren oft so ist. Gegründet in römischen Zeiten als kleines Dorf am Strand, beginnt der Aufschwung nach der Versandung einer Halbinsel direkt vor der Küste. Der Naturhafen erlaubt die Entwicklung der Stadt zur mediterranen Handelsmetropole. Ein Hafenviertel entsteht, Seuchen werden eingeschleppt, die Barceloneta entwickelt sich als Fischerquartier, die Industrienutzungen im Poblenou konvertieren Barcelona zum Manchester des Mittelmeers. Vor der Stadt liegt nun eine schmutzige, ölige Kloake, die Kamine rauchen am Strand. An ein kühles, erfrischendes Bad mag niemand denken. Barcelona lebt mit dem Rücken zum Meer, wie es der Architekt Antoni Bonet beschreibt.

Die Olympiade ’92 bewirkt eine große städtebauliche Transformation: Die Stadt entdeckt das Meer, die Meeresfront wird aktiviert, Marinas werden gebaut, der alte Hafen Port Vell wird zur Stadt hin geöffnet und revitalisiert, Kläranlagen installiert, ein fünf Kilometer langer, direkt vor der Stadt liegender Sandstrand gehegt und gepflegt, eine attraktive Strandpromenade als schon bald intensiv genutzter urbaner Raum designt.

Strandpromenade von Barcelona, © Lucrezia Carnelos/Unsplash

Auf die Touristenflut folgt die Flaute: Ernüchterung zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Kaum 15 Jahre später leidet die Stadt am eigenen Erfolg. Die Wohnungspreise schießen in die Höhe, die Besucherzahlen explodieren, Airbnb treibt die Gentrifizierung noch voran. Der alte Hafen Port Vell wird von den Megayachten der Oligarchen besetzt; der Zugang zum Meer wird zunehmend privatisiert und kommerzialisiert.

Die FNOB (Fundación de Navegación Oceánica de Barcelona) organisiert zwar noch das Barcelona Word Race, eine Weltumseglungsregatta mit Zweiercrew, doch spätestens mit der Wirtschaftskrise 2008, der Sezessionsbewegung und der Pandemie der letzten zwei Jahre verliert die Stadt ihre zweifellos größte Attraktion aus dem Blick.

In Barcelonas Marina Port Vell vor Anker liegende Superyachten, © Francisco Gomes/Unsplash

Wenn der Wind wieder günstig steht: Barcelona wird Gastgeber des America’s Cup 2024

“Barcelona ist wirklich eine der bekanntesten Städte der Welt, daher ist es enorm aufregend, die Möglichkeit zu haben, das bekannteste Segelereignis der Welt auszurichten”, erklärte Grant Dalton, CEO des Emirates Team New Zealand, des Siegerteams der letzten Regatta in Auckland, und verantwortlich für die Organisation der nächsten Ausgabe im Jahr 2024. “Als Verteidiger des America’s Cup haben wir uns immer dafür verantwortlich gefühlt, die Veranstaltung, das Publikum und den Segelsport auf globaler Ebene auszubauen […] Wenn man an den 37. America’s Cup und die AC75-Rennen im Umkreis von nur wenigen hundert Metern um den Strand von Barcelona, die Uferpromenade und die Fan-Engagement-Zonen des Renndorfs denkt, wird es nichts weniger als spektakulär sein.”

Was sind also aus unserer Sicht die Gründe, dass sich die Organisatoren für Barcelona und nicht für die Konkurrenten Málaga (Südspanien), Cork (Irland) und Jeddah (Saudi-Arabien) endschieden haben? Die urbanistischen Qualitäten des Orts: eine Hafenstadt mit direktem Anschluss ans Meer wie kaum eine andere weltweit. Seine exzellente zeitgenössische Architektur und die hohe Qualität des öffentlichen Raums. Das kulinarische Angebot und die tausend Jahre alten Traditionen. Die vorherrschenden lokalen Windverhältnisse, welche für diese Art von Rennyachten ideal sind. Die seit langer Zeit endlich wieder erfolgte enge Zusammenarbeit aller politischen Instanzen auf städtischer, regionaler und nationaler Ebene und deren uneingeschränkte Unterstützung durch die Wirtschaftsvertreter.

Ein Segelfest für alle, entlang der gesamten Küste

Im alten Hafen Port Vell direkt vor der Altstadt werden die Pavillons der fünf Teams entstehen – zur Zeit Emirates Team New Zealand, Ineos Britannia (GB), Alinghi Red Bull Racing (Schweiz), Luna Rossa Prada Pirelli Team (Italien), NYYC American Magic (USA). Auf der Moll de la Fusta das «Village» mit allen Zusatzveranstaltungen für die Besucher, auf der Moll de Europa die Anlegestelle der Rennyachten, direkt im Wasser vor der Stadt zwischen dem Hotel W und dem Port Olímpic wird die Rennstrecke ausgesteckt werden, welche es so abertausenden Besuchern problemlos ermöglichen wird, die Regatten aus nächster Nähe und über Großleinwände zu verfolgen.

Barcelonas Moll de la Fusta und Rambla de Mar, © Artemy Streltsov/Unsplash

Architektur und Städtebau als transformative Kräfte

Barcelona hat sich immer wieder neu erfunden. Der America´s Cup kann als Fortsetzung einer Serie von bereits realisierten Großveranstaltungen, also die Weltausstellungen 1888 und 1929, die Olympischen Sommerspiele 1992 sowie zuletzt das Forum 2004 verstanden werden. Das mehrere Monate dauernde Segelevent im Herbst 2024 wird so Anlass zu einem weiteren urbanen Transformationsschub geben, sich als politischer und wirtschaftlicher Motor erweisen, welcher es Barcelona erlauben wird, sich ein weiteres Mal städtebaulich und architektonisch zu aktualisieren, den neuen Bedürfnissen anzupassen. Barcelonas Architektur und Wille zur urbanen Transformation ist zurück auf dem internationalen Parkett.

Aufbruch zu neuen Ufern: Barcelonas erneuertes Verhältnis zum Meer

Vor dem Hintergrund seines neu erstarkten maritimen Selbstbewußtseins wird Barcelona das weite Wasser vor seiner Küste als urbanen Raum abschließend in Besitz nehmen, als integralen Teil der Metropolregion betrachten, und so endlich nicht mehr nur am, sondern vollends mit dem Meer leben.

Texto: Hans Geilinger

Aufbruch zu neuen Ufern, © Bruno Martins/Unsplash

Published On: Juli 20, 2022Categories: blog
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